Berufstätige Eltern: Was Ihr alles schafft, ohne es zu merken | 02.12.2016

Berufstätige Eltern fühlen sich oft zwischen den Stühlen. Sie haben das Gefühl, es weder im Job noch in der Familie wirklich gut zu machen.

Egal, ob sie Teilzeit oder Vollzeit arbeiten, die meisten fühlen sich nicht als große Leistungsträger. Dabei leisten berufstätige Eltern enorm viel. In der Familie wie auch im Beruf.

Vor wenigen Tagen habe ich bei der Simmons Leadership Conference in Berlin eine großartige Keynote von Anne-Marie Slaughter gehört. Das ist die Frau, die den heißdiskutierten Artikel „Why women still can‘t have it all“ geschrieben hat. Wer ihn nicht kennt, kann hier nachlesen.

Sie sagte viele kluge Dinge, von denen mir insbesondere in Erinnerung geblieben ist: Care means to invest in somebody else – Fürsorge bedeutet, in jemand anderen zu investieren. Überlegen Sie mal: Wie viele Kinder haben Sie? Was werden diese in Zukunft leisten? Und wieviele Enkelkinder werden Sie wohl mal haben? Was werden die wohl in Zukunft leisten? Was wäre, wenn Sie diese Fürsorge-Investition nicht tätigen würden? Eines der Probleme unserer heutigen Zeit ist die kurzfristige Zielorientierung. Wir denken, wir müssten in uns investieren, um möglichst viel aus unserem Leben „raus zu holen“. Dabei ist das Investment in andere mindestens so viel Wert, auch das sagte Anne-Marie Slaughter sehr richtig. Es gilt die alte Regel: Was immer wir geben, wir kriegen es zurück. Wer einmal im Leben einen sterbenden Menschen begleitet hat, weiß, was für ein unglaubliches „Investment“ das in das eigene Wachstum ist. Win-win würde man sagen. Fürsorge lässt unsere Persönlichkeit wachsen und ist ein enormes Investment, das zurückzahlt. Wann werden wir das kollektiv verstehen?

Das „Investment“ im Detail

Ich mache jetzt mal ein bisschen Selbsttherapie und lade Sie dazu ein, daran teilzuhaben. Ich schreibe einfach mal auf, was ich als Mutter gemeinsam mit meinem Mann, dem Vater meiner Kinder, im Alltag so alles leiste. Sie können ja abhaken, was auf Sie auch zutrifft und ergänzen, was ich vergessen habe.

  • Fünf Tage in der Woche Menschen antreiben aufzustehen, sich anzuziehen, zu frühstücken, sich die Zähne zu putzen und dann mit Schuhen und Jacken das Haus verlassen – dies erfordert gefühlt 30 x Sätze wie: „steh auf“, „jetzt ist Frühstücken dran, nicht spielen“, „zieh Dich jetzt an“, „beeil Dich“, etc.
  • Fünf Tage in der Woche Frühstücksbrote, Obst oder Gemüse und Getränke für Kita und Schule vorbereiten – ich frage mich, ab wann ich die Kinder das selbst machen lasse…
  • Einmal in der Woche das Haus bzw. die Wohnung aufräumen, damit die Putzfrau in der ihr vorgegebenen Zeit auch Putzen kann – das muss erledigt sein, bevor wir das Haus verlassen!
  • Täglich Postmappen, Mitteilungshefte u. ä. durchsehen und schauen, ob die Hausaufgaben im Hort gemacht wurden oder deren Erledigung komplett zu Hause betreuen. Sämtliche Zettel mit Infos zu Ausflügen, Terminen, Materialbedarfen für Projekte etc. im Blick behalten und die Kinder möglichst immer richtig ausgestattet losschicken (mir fehlt die Erfahrung, ab wann man ihnen das selbst überlassen kann, da ich erst 3. Klasse-Mutter bin).
  • Nachmittagsaktivitäten, Playdates, Sport, Musikunterricht etc. organisieren und Kinder chauffieren. Gerade mit mehreren Kindern ist das eine logistische Höchstleistung.
  • Pro Kind mindestens fünf Mal im Jahr Geschenke für Geburtstagseinladungen besorgen.
  • Mindestens für vier Festivitäten an Schule und im Kindergarten einen Buffetbeitrag organisieren. Dabei muss man schnell sein, sich in die entsprechenden Listen einzutragen, damit man „nur“ Getränke o. ä. mitbringen muss.
  • Pro Kind einen Kindergeburtstag pro Jahr ausrichten, der den eigenen Ansprüchen genügt, wobei Fragen zu beantworten sind wie: was schenken wir, was schenken die Großeltern, was können die Freunde schenken, die ja doch oft fragen; sollten die Kinder etwas kreatives bei der Feier machen und was für Material müssen wir dafür besorgen, feiern wir „außer Haus“ und haben weniger Stress, aber mehr Ausgaben, ist es pädagogisch wertvoll „außer Haus“ zu feiern oder sollten wir konsumkritischer erziehen? Wenn wir zu Hause feiern: welche Spiele etc. sind geeignet und was brauchen wir dafür; was gibt es für die Gäste in die (leider verbreitete) Mitgebsel-Tüte und wer besorgt das.
  • Zwei Mal im Jahr steht das Thema Klamotten-Wechsel an: Sommer zu Winter und Winter zu Sommer. Wer mehrere Kinder hat sortiert dann noch aus, was keinem mehr passt und verstaut was im Moment keinem passt. Schaut durch, wem gerade was passt und besorgt die Sachen, die fehlen. Dann kommt noch die Frage: Was geschieht mit den Sachen, die wir gar nicht mehr brauchen? Verkaufen oder verschenken…?
  • Schließtage organisieren. Und ich meine gar nicht die regulären in den Sommerferien, die auch schon viele Kindergarteneltern zum Urlaub in der Hochsaison zwingt. Ich meine die Weiterbildungstage, Personalversammlungen, Vorbereitungszeiten für die schönen Feste etc., die noch oben drauf kommen. Streiktage hat es auch schon gegeben…
  • Bald ist es wieder so weit: Die schöne Weihnachtszeit mit Adventskalendern – gekauft oder doch selbstgebastelt? Diversen Weihnachtsfeiern, Krippenspielen und wieder das leidige Geschenkethema. Vom Baumkauf, -schmücken, Essen vorbereiten etc. mal ganz abgesehen, das machen ja viele auch ohne Kinder.
  • Ganz abgesehen von den vollkommen unplanbaren Ereignisse: kranke Kinder organisieren. Die Frage klären, wer bleibt zu Hause, wer kann aushelfen, muss man zum Arzt etc. pp. Und besonders erfreulich, wer besorgt das Gesund-Attest, wenn eines erforderlich ist?

So. Und nachdem wir nun die rein organisatorischen Dinge so einigermaßen abgehakt haben – vergessen Sie nicht zu ergänzen! – kommen wir nun noch zu den weichen Faktoren des Lebens mit Kindern. Das was man „Erziehungsleistung“ nennt, obwohl ich das Wort nicht wirklich mag, aber Wordbashing mag ich noch weniger. Also, was kommt da noch an kraft- , nerven- und emotionsgeladenen Themen dazu?

Unglaublich viele Entscheidungen, wie:

  • Welche Sportart soll mein Kind ab welchem Alter neben Kindergarten/Schule betreiben?
  • Sollte das Kind auch musikalisch gefördert werden?
  • Wie finde ich raus, was das Kind überhaupt mag? Wenn es keine Lust mehr hat, wie sehr dränge ich auf Durchhalten und wie schnell lass ich ihm seinen Willen?
  • Wie voll sollte der Kalender meines Kindes sein? Wie wichtig sind mir Leerzeiten für freies Spielen, Verabredungen oder auch mal Langeweile.
  • Wie viel Taschengeld gebe ich bzw. gebe ich überhaupt ein regelmäßiges, festes Taschengeld?
  • Wie konsequent bin ich?
  • Verhandle ich mit meinem Kind, was verhandle ich, wann verhandle ich, wie verhandle ich?
  • Welche Regeln sind mir wirklich wichtig und welches ist das richtige Maß an Regeln?
  • ….

Und das ganze müssen sich dann gemeinsam erziehende Eltern auch noch gemeinsam überlegen bzw. entscheiden, wie unterschiedlich der Umgang mit Dingen in einer Familie sein darf und wie man damit umgeht.

Mein Fazit: Wir sollten uns alle feiern! Wir sind Höchstleister im wahrsten Sinne des Wortes!

Dieser Artikel erschien auch bei http://www.lob-magazin.de/familie/zeit-fuer-mich-ich/562-was-berufstaetige-eltern-alles-schaffen