Partnerschaftlich in Beruf und Familie | 14.07.2015

Bald nach der Freude über die bevorstehende Geburt eines Kindes setzt bei Paaren die Planung des zukünftigen Lebens ein. Es werden viele Besorgungen gemacht: Kinderwägen getestet, Autositztestberichte gelesen, Bodys, Strampler und Mützchen gekauft. Auch über Kindergartenplätze wird sich oftmals schon vor der Geburt erkundigt. Das Gespräch, wie die Eltern in Zukunft das Arbeiten und Geldverdienen mit den neuen Fürsorge- und Familienaufgaben aufteilen wollen, wird oftmals aufgeschoben. Oder nur halbherzig geführt. Woran liegt das? Und wie geht es anders?

Bei den Paaren, die kein partnerschaftliches Modell anstreben, ist nicht viel zu verhandeln, denn die traditionelle Aufgabenteilung gibt klare Vorgaben. Es bleiben einige Details zu planen, aber im Großen und Ganzen ist alles klar.
Die Paare, die sich jedoch das partnerschaftliche Modell wünschen, haben einige Hürden zu nehmen. Und es gibt einiges Konfliktpotenzial, wie wir es aus anderen Verhandlungen – z. B. Gehalt, Preis u. ä. – kennen. Konflikte innerhalb der Partnerschaft finden viele von uns unangenehm. Und dann auch noch, wenn es mit der Geburt eines Kindes zusammenhängt. Das ist doch eher der Zeitpunkt, zu dem wir zusammenrücken und uns über dieses „Produkt unserer Liebe“ freuen. Wir träumen von einem romantischen und harmonischen Familienleben. Bitte keine Konflikte!

Wie machen wir es mit dem Elterngeld?

Doch schon bei der Frage: „Wer von uns nimmt denn nun wie lange Elterngeld in Anspruch?“, wird es schwierig. Wie könnte eine partnerschaftliche Aufteilung aussehen? Bei 14 Monaten Elterngeldanspruch für das Elternpaar ist es eine recht einfache Rechnung: Jeder nimmt sieben Monate. Entweder zeitgleich oder nacheinander oder eine Kombination aus beidem. Viele andere Varianten können ganz individuell gestaltet werden. Und das ElterngeldPlus bietet seit 1. Juli 2015 noch mehr Möglichkeiten.
Tatsächlich hat DeStatis für 2012 jedoch folgende Inanspruchnahme des Elterngeldes ermittelt: Nur 1 % der Mütter, aber 78 % der Väter nahmen das Elterngeld für bis zu zwei Monate in Anspruch. Hingegen bezogen 90 % der Mütter, aber nur 6 % der Väter das Elterngeld für 12 Monate oder länger.

Partnerschaftliche Modelle: Familienorientiert oder Karriereorientiert

Und das Elterngeld ist erst der Anfang. Auch danach gilt es eine neue Verteilung von Erwerbs- und Familienarbeit in der Partnerschaft zu verhandeln. „Partnerschaftlich“ kann unterschiedlich gestaltet werden, funktioniert aber in der Regel nur so, dass beide Elternteile etwa gleich viele Stunden arbeiten und sich gleich viele Stunden mit Kindern und Haushalt beschäftigen. Dabei gibt es zwei grobe Varianten, die natürlich viele bunte Zwischenvarianten nicht ausschließen:

Familienorientierte Partnerschaften

Diesen Paaren ist es wichtig, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und nicht alles „Private“ von Dritten erledigen zu lassen. Beide Elternteile arbeiten Teilzeit, allerdings vollzeitnahe Teilzeit, d. h. 25 – 35 Stunden/Woche. Die Partner entwickeln oftmals ein ausgeklügeltes Organisationssystem: Wer morgens die Kinder wegbringt, kann abends länger arbeiten, weil der andere morgens früh anfängt zu arbeiten und die Kinder nachmittags abholt.
Was Paaren daran gefällt
• Beide haben einen guten Kontakt zu ihren Kindern.
• Beide haben Erfolge und Anerkennung in ihrem Berufsleben. Beide haben u. U. die Möglichkeit weitere Karriereschritte zu gehen.
• Das Familieneinkommen ist nicht von einem Partner alleine abhängig, was neue Freiheiten in der beruflichen Entwicklung ermöglicht. Ein beruflicher Wechsel ist oftmals nicht so bedrohlich, weil das Einkommen des Partners zumindest einen Mindeststandard absichern kann.
• Beide sind auch im Alter unabhängig voneinander abgesichert.
• Das Modell zu leben, das man sich wünscht, sorgt für eine größere Lebenszufriedenheit. Das Überwinden von Widerständen kann diese noch verstärken.
Was Paare davon abhält
• Oftmals ist ein Partner finanziell (bereits) besser gestellt (i. d. R. der Mann) als der andere. Finanziell ist es also für die Familie attraktiver und sicherer, wenn dieser Partner den vollen Ertrag abschöpft und nicht seine Arbeitszeit und damit das –einkommen reduziert.
• „Karrieremachen“ ist in vielen Unternehmen und in noch mehr Köpfen nur mit einer Vollzeittätigkeit und oftmals sogar Überstunden möglich. Wenn beide Partner vollzeitnahe Teilzeit arbeiten, könnte es passieren, dass keiner Karriere macht bzw. sogar an Status verliert. Dies fällt insbesondere Männern schwer, die sich (noch immer) stark über ihren beruflichen Erfolg definieren.
• Es ist eine fortlaufende Abstimmung und Verhandlung anstehender Aufgaben und spontaner Notsituationen zwischen den Partnern erforderlich. Eine klare Aufgabenteilung (einer das Geld, einer die Familie) benötigt weniger Verhandlungen.

Karriereorientierte Partnerschaften

Bei diesen Paaren, haben beide Partner eine hohe Priorität im Job und delegieren daher vieles in ihrem Privatleben. Sie nehmen viel Kinderbetreuung durch Dritte in Anspruch und nutzen Dienstleistungen, um ihr Familienleben und den Haushalt zu organisieren.
Was Paaren daran gefällt
• Beide haben viel Erfolge und Anerkennung in ihrem Berufsleben. Beide haben die Möglichkeit weitere Karriereschritte zu gehen.
• Das Familieneinkommen ist nicht von einem Partner alleine abhängig, was neue Freiheiten in der beruflichen Entwicklung ermöglicht.
• Beide sind auch im Alter unabhängig voneinander gut abgesichert.
• Beide haben neben der beruflichen Selbstverwirklichung ein bereicherndes Familienleben.
• Das Modell zu leben, das man sich wünscht, sorgt für eine größere Lebenszufriedenheit. Das Überwinden von Widerständen kann diese noch verstärken.

Was Paare davon abhält
• In Deutschland gibt es wenig soziale Anerkennung für Eltern und insbesondere Mütter, die wenig Zeit mit ihren Kindern verbringen. Das Kindeswohl wird dabei oft in Frage gestellt.
• Die Koordination zweier „Karrieren“ ist schon rein örtlich oft schwierig. Für beide Partner am gleichen Ort adäquate Jobs zu finden wird mit steigender Position immer schwieriger. Pendeln wird jedoch auf lange Zeit als sehr belastend empfunden.

Richtig oder falsch gibt es nicht!

Keines der möglichen Modelle ist per se richtig oder falsch. Wichtig ist aber, sich darüber klar zu werden, was einem wie wichtig ist. Und wenn es um das Leben mit einem Partner und in einer Familie geht, sollte darüber auch gesprochen und verhandelt werden. Konflikte zu lösen, kann ein sehr verbindender und bereichernder Prozess sein. Sie nicht anzugehen, sondern unter den Teppich zu kehren, kann langfristig fatale Folgen haben. Und gerade über diesen langfristigen Aspekt sollten Sie sich auch klar werden. Wie sieht es in zehn und in zwanzig Jahren aus? Denken Sie auch an unschöne Zukunftsszenarien: Was wäre, wenn Sie sich trennen?

Tickende Zeitbomben vermeiden

Nehmen Sie sich also Zeit. Überlegen Sie für sich selbst: Was für eine Partnerschaft möchte ich leben? Welchen Wert haben für mich Arbeit, Familie, Partnerschaft, Gesundheit und welche Implikationen hat das auf meine Lebensplanung? Was im Leben gibt mir Sinn, Energie, Lebensfreude und Zufriedenheit? Passt die kurzfristige Planung auch zu einer langfristigen?
Wenn jeder Partner sich klar geworden ist, wie die individuellen Antworten dazu aussehen, sollten Sie sich darüber austauschen.

Es hat sich bewährt, dazu einige Regeln zu vereinbaren: Jeder bekommt zunächst Zeit, seine Gedanken und Überlegungen zu erläutern und dabei ganz bei sich zu bleiben. Der andere hört nur zu und erkennt das gehörte an. Danach wird getauscht. Erst danach wird sich darüber ausgetauscht, wie sich jeder fühlt, wenn er dem anderen zuhört. Auch dies nacheinander.

Versuchen Sie, ein gegenseitiges Verständnis zu entwickeln, auch wenn Ihnen nicht gefällt, was die Ideen des anderen für Sie bedeuten. Wenn beide Positionen von beiden Seiten anerkannt und empathisch verstanden wurden, können Sie gemeinsam nach Lösungen suchen, die Ihnen beiden zu dem größtmöglichen Gewinn verhelfen.
Die Haltung: „Chancen denken, statt Ideen killen!“ wird Sie unterstützen.