Neues Arbeiten: Von Unzufriedenheit und guten Beispielen | 01.04.2015

Neues Arbeiten: Teil 1 von 2 der Blog-Reihe

Würde ich die Stimmung und Unzufriedenheit vieler meiner Coachees repräsentativ einschätzen, würde ich mir um den Wirtschaftsstandort Deutschland ernsthaft Sorgen machen. Viele sind bestens ausgebildet, haben bereits großartige Leistungen in ihrem Berufsleben erbracht, denken durchaus unternehmerisch und sind doch extrem frustriert und unzufrieden.

Gallup: 85 Prozent leisten maximal Dienst nach Vorschrift

Dies bestätigt auch der “Engagement Index 2014″ des Meinungsforschungsinstituts Gallup: 85 Prozent der Beschäftigten in Deutschland leisten im Job maximal Dienst nach Vorschrift, 15 Prozent davon hat sogar bereits innerlich gekündigt.
Die Unzufriedenheit resultiert nach meiner Erfahrung insbesondere an der Führungs- und Unternehmenskultur. Viele Mitarbeiter haben ein Bedürfnis nach Wertschätzung, Anerkennung und Partizipation, das in den meisten Unternehmen nicht ausreichend erfüllt wird. Es geht hier nicht nur um das Lob der Leistungen, sondern die zwischenmenschliche Beziehung und die Möglichkeiten der individuellen Entfaltung in Kooperation.

Mitarbeiter fühlen sich oftmals abhängig

Schon Bewerber haben das Gefühl, dass das Unternehmen sie prüft und dann entscheidet, ob sie eingestellt werden oder nicht. Bei genauerer Betrachtung, kann und sollte ein Bewerber natürlich genauso prüfen und entscheiden, ob das Unternehmen und die angebotene Stelle wirklich passen. Und auch Mitarbeiterinnen können im Unternehmen Fragen stellen, Veränderungen vorschlagen und sogar Forderungen stellen. Wenn sich gar nichts in die gewünschte Richtung verändert, dann ist im Zweifel ein anderer Arbeitgeber zu suchen.
Viele haben jedoch eine andere Haltung. Eine fast schon unterwürfige, abhängige Einstellung. Sie agieren, wie „im modernen Sklaventum“. Woher kommt dieses Gefühl der Abhängigkeit? Die Erfahrungen die Arbeitnehmer in den letzten 20 Jahren in Unternehmen gemacht haben waren geprägt von Wirtschaftskrisen, Shareholder-Value-Kultur und einer noch immer industriell organisierten Arbeitsstruktur. Die Erfindung der Dampfmaschine hat das Arbeiten verändert, nämlich in einen Gleichtakt, an einem festgelegten Ort, ggf. in Schichten, mit einer Trennung von Arbeitsleben und Freizeit. Ebenso veränderte in den letzten Jahrzenten die Erfindung des Internet mit der fortschreitenden Digitalisierung unser Leben in großem Ausmaß. Allerdings kommen insbesondere die gesellschaftlichen Institutionen nicht in dem schnellen Tempo der digitalen Technik mit.

Zwischen Industriekultur und Digitaler Wissenskultur

Das Ergebnis ist eine immer noch von Präsenz und hierarchischen Machtstrukturen geprägte Arbeitsorganisation, die mit einer durch die modernen Kommunikationstechniken getriebenen Arbeitsverdichtung, Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit und immer schnelleren Taktung kombiniert ist. Gefordert ist damit ein Mitarbeiter, der zuverlässig wie ein Fabrikarbeiter sichtbar seinen Dienst erfüllt, der jede Mail innerhalb kürzester Zeit bearbeitet, egal wann sie kommt, und immer effizienter arbeitet. Und Führungskräfte sind innerhalb der hierarchischen Strukturen dafür verantwortlich, dass das auch alles so klappt. Sie tragen die Verantwortung. Das Ganze ist für alle Beteiligten sehr anstrengend und oftmals unbefriedigend.
Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts hat sich die Arbeitsproduktivität je Beschäftigtenstunde in Deutschland zwischen 1991 und 2011 um 34,8 % erhöht. Rund 18,9 Millionen Erwerbstätige litten 2013 unter einer (physischen und/oder psychischen) Belastung am Arbeitsplatz. Das entsprach 46,0% aller befragten Erwerbstätigen. Starker Zeitdruck und Arbeitsüberlastung war der bedeutendste Faktor unter den psychischen Belastungen. 16,6 % der Erwerbstätigen nannten dies als Beeinträchtigung des seelischen Wohlbefindens.
Das Gefühl das bleibt ist Ohnmacht. Die Menschen sehen sich als kleines, schwaches Rad in einem riesigen System, das ihnen kaum eine Chance gibt, etwas in ihrem Sinne zu verändern. Manche haben etwas in ihrem Arbeitsumfeld ändern können, andere haben sich damit arrangiert, wieder andere sind in die Selbständigkeit gegangen.

Es gibt Grund zur Hoffnung und ermutigende Beispiele bzw. Projekte!

In den letzten Jahren finden sich erfreulicherweise immer mehr Initiativen, die den Werte-Wandel in der Gesellschaft und Arbeitswelt befeuern. Die gute Nachricht ist: Es geht auch anders und es gibt eine Reihe von Menschen, die ähnliches erleben und sich nach Veränderung sehnen. Hier einige ermutigende Projekte:
Im Januar 2015 wurde zum zweiten Mal der „New Work Award“ verliehen. Dies ist eine Initiative von XING, Focus und Human Resources Manager, mit dem Ziel Unternehmen auszuzeichnen, „die Arbeit innovativ organisieren, traditionelle Konzepte wie beispielsweise feste Arbeitszeiten, hierarchische Organisationsstrukturen oder Gehaltsstrukturen in Frage stellen und damit Vorbild für andere Unternehmen sind. Denn tradierte Arbeitskonzepte und -organisationen erweisen sich als zunehmend ungeeignet, um dem vielschichtigen Wandel der Arbeitswelt gerecht zu werden.“
Hier findet sich die Präsentation der Gewinner: https://spielraum.xing.com/2015/01/new-work-award-2015-grosse-preisverleihung-fuer-die-innovativsten-arbeitskonzepte-in-berlin/
Im Februar 2015 fand eine Konferenz an der TU München mit dem Titel: “Das demokratische Unternehmen – Aufbruch in eine neue Humanisierung der Arbeitswelt?” statt. Die Organisatoren „sind der Überzeugung, dass die Demokratie-Diskussion im Unternehmens- und Wirtschaftskontext eine der wichtigen, aber auch am heißesten debattierten Entwicklungen der kommenden Zeit werden wird.“ Ursprünglich ging man von ca. 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus, tatsächlich waren es um die 500, darunter viele Unternehmensvertreter.
Eine umfangreiche Video-Dokumentation der Konferenz findet sich hier: http://democraticorganization.com/impressionen-konferenz-2015/

 

Dies ist der erste Teil einer zweiteiligen Blog-Reihe. Im nächsten Teil werden zwei Filme vorgestellt, die ebenfalls das Thema “Neues Arbeiten” beleuchten und weitere positive Beispiele aufzeigen. Lassen Sie sich inspirieren und ermutigen!
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